Cold Turkey – Was nach der Reise bleibt

Ich sitze bequem auf dem Sofa, das an meiner Lieblingsstelle schon eine Kuhle hat. Mein Blick geht über den Balkon in grüne Baumwipfel, die im Moment sogar in der Sonne leuchten. Neben mir eine Tasse Tee, vor mir eine Wand mit Postern, von uns in harter Teamarbeit behängt. Zwei Türen weiter meine Bücher, etwas, was ich auf der Reise wirklich vermisst habe. Ich bin wieder zuhause, ich bin angekommen. Und doch, etwas fehlt.

Nichts treibt mich hier jeden Tag aus dem Haus, mein Entdeckergeist, der die letzten drei Monate permanent dafür gesorgt habe, dass ich gefahren und rotiert bin, schläft ein. Hier gibt es nicht viel zu entdecken, sagt er mir. Und so bleibe ich auf der Couch. Währenddessen suchen meine Finger aber wie von alleine nach günstigen Flügen, schönen Hotels, Angeboten in Hostels. Neun Tage bin ich erst wieder in Deutschland, und schon hat mich das Fernweh gepackt, schon suche ich nach dem nächsten Ziel. England hat sich aufgrund horrender Flugpreise zerschlagen, aber was wäre mit Kopenhagen, soll ja ganz schön da sein. Oder die Nordsee? Immerhin habe ich seit zwei Wochen das Meer nicht mehr gesehen, ich vermisse es. Auch Island spukt seit Ewigkeiten als Reiseziel in meinem Hinterkopf. Meine Fotos der letzten Monate schaue ich mir noch gar nicht an, aus Angst, zu viele zu gute Erinnerungen zu spüren. Instragram spült mir Bilder der Malediven in die Timeline, meine Facebook-Freunde in Australien und Neuseeland machen den morgendlichen Blick auf Statusupdates nicht einfacher. Die Zeitschrift neben mir bewirbt Sardinien … Und es wird klar: Ich will wieder weg.

Dabei ist klar: Natürlich ist der Alltag zuhause ein anderer als auf Reisen. Ich ziehe nicht mehr das erstbeste Kleidungsstück aus einem Koffer, sondern habe einen Kleiderschrank, der mich überfordert. Jetzt geht es nicht mehr darum, ob ich irgendwo Rabatt auf einen Ausflug kriege, sondern darum, ob das Arbeitsamt meinen Antrag annimmt. Nicht mehr die Frage, ob ich heute Museum oder Meer will, sondern die Frage, womit ich mein Geld verdienen will/kann. Und mir wird klar: Das, was ich beruflich kann und das, was mir privat Spaß macht, ist nicht das gleiche. Aber wie finde ich den Einstieg, meine Hobbies zu Berufen zu machen? Will ich das überhaupt, oder fehlt dann nicht der Ausgleich nach Feierabend? Und wenn ich jetzt nach zukünftigen Berufslaufbahnen suche, belüge ich mich nicht selbst? Alles in mir zieht in die Ferne und mir wird klar, dass mein Fernweh nicht besänftigt wurde durch die drei Monate, sondern vollends ausgebrochen ist. Fast fühle ich mich wie der Zauberlehrling „Die Geister, die ich rief, die werd ich nun nicht los“. Ich will sie aber gar nicht los werden, glaube ich. In diesem Fall ist es gar nicht so schlimm, wenn ein Süchtiger dem Zittern in seinem Körper nachgibt. Die Frage ist nur, wann. Und welches Ziel es wird.

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