Shanghai, Qualitytime & Wahnsinn

Mit so viel Verspätung, dass ich mich fast nicht traue, auf „Publizieren“ zu klicken, kommt jetzt auch meine kurze Zusammenfassung der 2,5 Tage in Shanghai auf dem Rückweg.

Von einem Land mit knapp über 4 Millionen Einwohnern in eine Stadt mit fast 30 Millionen Bewohnern. Dazu noch eine ganze Menge an Besuchern, die ein chinesisches langes Wochenende nutzen um die Großstadt zu besuchen und schon ist die Überforderung perfekt. Sollte man meinen. Interessanterweise scheine ich in den neuseeländischen Bergen mein Zen gefunden zu haben, zumindest hat es mich nicht so sehr überfordert wie ich dachte. Erschöpft, fasziniert, erstaunt, überwältigt, ja – aber nicht überfordert.

Der Vergleich zwischen Neuseeland und China bzw. Shanghai ist unmöglich. Aber so, wie in Neuseeland Natur und Schönheit überwältigen, überwältigen in Shanghai schiere Masse und Größe. Durch die Maifeiertage war die Stadt noch voller als sonst, also absolut perfektes Timing – nicht. Jeder hatte frei, jeder war in der Stadt, und jeder war da, wo wir auch waren. Faszinierend, sich mit solch einer Menschenmasse die Straßen entlang zu schieben. In Shanghai hat uns alles erstaunt. Wie schaffen die Fahrer es, ihre Autos nahezu beulenfrei zu halten, wenn jeder bei rot fährt ohne sich umzuschauen? Wieso ist die Spur zum links abbiegen mitten in der Straße, die zum geradeaus fahren noch zwischen der Abzweigung und der Abbiegespur? Gibt es einen Trick dabei, die Ruhe zu behalten, wenn man kaum Platz zum Bewegen hat und sich von der Masse treiben lassen muss? Woran liegt es, dass Chinesinnen mich anstarren und/oder fotografieren, und das nicht gerade unauffällig? Fragen über Fragen, keine davon in einem Besuch zufriedenstellend zu klären.

2,5 Tage sind wenig Zeit für eine Stadt wie Shanghai, aber Herausforderungen machen schließlich Spaß. Kleiner Spoiler: Unsere Gastgeber waren absolut erstaunt davon, wie viel man in so kurze Zeit packen kann und wie viel wir gelaufen sind. Gesehen haben wir so viel, nicht nur die klassischen Sachen, die man gemacht haben “muss”, sondern vor allem auch viel Atmosphäre und viel Leben. Und viel Essen. Gefühlt waren wir also etwa eine Woche in der Stadt, zumindest wären Bewegungs- und Essensmenge eher für diesen Zeitraum angemessen gewesen.

Shanghai hat nicht viel Altes. Vor zwanzig Jahren war diese Stadt vergleichsweise nicht existent, und jetzt leben hier Millionen und das Wachstum geht immer weiter. Einen guten Überblick darüber gibt das Zentrum für Stadtplanung. Besonders interessant an dieser Ausstellung: Einerseits die Bilder, die vergleichen, wie sich bestimmte Viertel innerhalb der letzten Jahre verändert haben. Historische Gebäude oder traditionellere Gegenden sucht man daher auch vergeblich. Vieles ist dem rasanten Wachstum zum Opfer gefallen, außerdem habe ich persönlich den Eindruck, dass der Wille, Geschichte zu bewahren, in dieser Stadt erst noch einsetzen muss. Sogar der Jing’an Temple, unser erster Zwischenhalt, ist nicht original erhalten. Während der Kulturrevolution war hier eine Plastikfabrik zu finden, erst seit 1983 gibt es wieder den „normalen“ Tempel-Betrieb, verbunden mit vielen Instandsetzungen. Diese sind, wie die vielen Gerüste zeigen, auch noch lange nicht abgeschlossen. Immerhin gibt es den buddhistischen Tempel, der zu den wichtigsten überhaupt zählt, noch. An anderen Stellen wurde alles alte abgerissen um Platz für neue Wolkenkratzer, Hotels, Bürogebäude oder riesige Wohnhäuser zu schaffen. Notwendig ist das wohl, da diese Stadt ein Wachstum hinter sich hat, das für mich einfach nicht begreifbar war. Schade ist es dennoch.
Aber trotzdem gibt es ein paar Ecken, die mit Fantasie einen leichten Eindruck davon vermitteln, wie es vor 20 Jahren ausgesehen haben muss. Minus Millionen Menschen und Skyline im Hintergrund natürlich. Eine höhere Toleranzgrenze gegenüber Neonlicht ist durchaus immer hilfreich, sogar eine Passage, die nachbildet, wie die Stadt in den 1930er Jahren aussah, ist überfüllt mit Blingbling, Friseursalon, Nagelstudio, Saftbars und ähnlichem. Beim Bund-Tunnel (Bund = Uferpromenade am Huangpu Fluss, der das Zentrum in zwei verschiedene Hälften teilt) ist dann alles vorbei für Stroboskop-empfindliche Menschen: Blinkende Lichter in allen Farben, hypnotische Musik, eine merkwürdig erzählte Geschichte, das alles, während man in einer Schwebebahn unter dem Fluss durchfährt. Ein Erlebnis, nicht unbedingt der guten Art. Aber “so schlecht, dass es fast schon wieder gut ist”.

An sich ist Shanghai eine Stadt, die nicht oben auf meiner Bucket-Liste stand und steht. Allerdings, wenn man schon Freunde in dieser Stadt hat und einen Stopover machen kann, wäre es ja blöd, das nicht zu nutzen. So haben wir zwar Sightseeing-mäßig alles gemacht, was man in dieser kurzen Zeit überhaupt machen kann, aber vor allem viel gute Zeit mit lieben Menschen verbracht, die wir viel zu selten sehen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s