Archiv der Kategorie: Gedankengänge

Cold Turkey – Was nach der Reise bleibt

Ich sitze bequem auf dem Sofa, das an meiner Lieblingsstelle schon eine Kuhle hat. Mein Blick geht über den Balkon in grüne Baumwipfel, die im Moment sogar in der Sonne leuchten. Neben mir eine Tasse Tee, vor mir eine Wand mit Postern, von uns in harter Teamarbeit behängt. Zwei Türen weiter meine Bücher, etwas, was ich auf der Reise wirklich vermisst habe. Ich bin wieder zuhause, ich bin angekommen. Und doch, etwas fehlt.

Nichts treibt mich hier jeden Tag aus dem Haus, mein Entdeckergeist, der die letzten drei Monate permanent dafür gesorgt habe, dass ich gefahren und rotiert bin, schläft ein. Hier gibt es nicht viel zu entdecken, sagt er mir. Und so bleibe ich auf der Couch. Währenddessen suchen meine Finger aber wie von alleine nach günstigen Flügen, schönen Hotels, Angeboten in Hostels. Neun Tage bin ich erst wieder in Deutschland, und schon hat mich das Fernweh gepackt, schon suche ich nach dem nächsten Ziel. England hat sich aufgrund horrender Flugpreise zerschlagen, aber was wäre mit Kopenhagen, soll ja ganz schön da sein. Oder die Nordsee? Immerhin habe ich seit zwei Wochen das Meer nicht mehr gesehen, ich vermisse es. Auch Island spukt seit Ewigkeiten als Reiseziel in meinem Hinterkopf. Meine Fotos der letzten Monate schaue ich mir noch gar nicht an, aus Angst, zu viele zu gute Erinnerungen zu spüren. Instragram spült mir Bilder der Malediven in die Timeline, meine Facebook-Freunde in Australien und Neuseeland machen den morgendlichen Blick auf Statusupdates nicht einfacher. Die Zeitschrift neben mir bewirbt Sardinien … Und es wird klar: Ich will wieder weg.

Dabei ist klar: Natürlich ist der Alltag zuhause ein anderer als auf Reisen. Ich ziehe nicht mehr das erstbeste Kleidungsstück aus einem Koffer, sondern habe einen Kleiderschrank, der mich überfordert. Jetzt geht es nicht mehr darum, ob ich irgendwo Rabatt auf einen Ausflug kriege, sondern darum, ob das Arbeitsamt meinen Antrag annimmt. Nicht mehr die Frage, ob ich heute Museum oder Meer will, sondern die Frage, womit ich mein Geld verdienen will/kann. Und mir wird klar: Das, was ich beruflich kann und das, was mir privat Spaß macht, ist nicht das gleiche. Aber wie finde ich den Einstieg, meine Hobbies zu Berufen zu machen? Will ich das überhaupt, oder fehlt dann nicht der Ausgleich nach Feierabend? Und wenn ich jetzt nach zukünftigen Berufslaufbahnen suche, belüge ich mich nicht selbst? Alles in mir zieht in die Ferne und mir wird klar, dass mein Fernweh nicht besänftigt wurde durch die drei Monate, sondern vollends ausgebrochen ist. Fast fühle ich mich wie der Zauberlehrling „Die Geister, die ich rief, die werd ich nun nicht los“. Ich will sie aber gar nicht los werden, glaube ich. In diesem Fall ist es gar nicht so schlimm, wenn ein Süchtiger dem Zittern in seinem Körper nachgibt. Die Frage ist nur, wann. Und welches Ziel es wird.

Reisende in Klischees (2)

Wie angekündigt/befürchtet ist eine Fortsetzung der Klischee-Reisenden möglich. Zu Teil Eins geht es hier entlang.

Weiter geht es mit den Reisegruppen, mittlerweile haben sich neue Gattungen heraus kristallisiert:

Familien
Eine sehr coole Gattung. Meistens die klassische Familie, bestehend aus Vater, Mutter und ein bis zwei Kindern, manchmal treten Familien auch als Rudel auf. Auffällig ist, dass diese Reise meistens mit kleineren Kindern, bis ungefähr zehn Jahren, gemacht wird. Die sind wahrscheinlich noch platzsparend genug, um halbwegs bequem Zeit zusammen im Camper oder Wohnwagen verbringen zu können und finden Zelte noch irgendwie cool. Diese Gruppe macht mir Hoffnung für die Zukunft: Wenn andere es hinkriegen, Kinder in die Welt zu setzen und trotzdem noch so weit zu reisen, dann sollte ich es doch auch schaffen? Überraschenderweise sieht auch sehr selten ein Mitglied der Familie wirklich gequält aus, es scheint wirklich ganz gut zu klappen.

Busgruppen
Im krassen Gegensatz dazu: Busgruppen (hier bitte theatralischen, unheilverkündenden Trommelwirbel einfügen). Einzeln sind die wahrscheinlich alle kein Problem, aber weil sie im Bus gemeinsam anreisen, werden sie eins. Dabei ist zwischen den Bussen zu unterscheiden: Es gibt Unternehmen, die einfach nur Backpacker von A nach B bringen. Die Exemplare, die aus diesen Bussen steigen, sind nicht schlimm, sondern ganz normale Reisende (gut, oft mit mehr Geld und weniger Zeit). Dann gibt es aber die gemeinen Busgruppen, die wirklich als feste Gruppe reisen und bei denen der Busfahrer gleichzeitig der Betreuer ist. Diese Gruppen fallen mit rund 40 Mann über ein Hostel her, die weiblichen Vertreter hüpfen jederzeit perfekt geschminkt und gestylt durch den Busch. Wichtiger als was man sieht ist, wie man aussieht (bei beiden Geschlechtern). Und auch wenn man nur eine Nacht im Zimmer verbringt: Es ist absolut notwendig, jeden Koffer (nie würden sie mit Rucksäcken reisen) komplett auf dem Zimmerboden auszuleeren. Morgens muss das dann alles wieder eingepackt werden, mit möglichst viel Geraschel und unter Einsatz jedes Reißverschlusses, den man finden kann.

Übliche Verwüstung eines (!) Busgruppenmitglieds

Übliche Verwüstung eines (!) Busgruppenmitglieds

Ziele & Veränderungen

Ziele und Pläne – sie haben die Angewohnheit, sich zu verändern und weiter zu entwickeln, manchmal in guter Weise, manchmal auch nicht. Ich hatte eine Liste mit guten Vorsätzen, manche davon habe ich eingehalten, manche davon sehr schnell verworfen. Und bei dem ein oder anderen habe ich gemerkt, dass die Verwirklichung einfach nicht möglich ist, aus verschiedenen Gründen. Die Liste, wer sie noch nicht kennt, ist hier nachzulesen. Nachdem meine Zeit des Alleinreisens bald vorüber ist (bisher sind zwei Monate um, zwei Wochen bin ich noch allein) ist für mich die Zeit gekommen, mir wirklich Gedanken zu machen, inwieweit ich mich an meine Liste halten konnte.

Die Reise nach Neuseeland war seit so langer Zeit mein Traum, eigentlich seit ich zum ersten Mal von diesem Land am Ende der Welt, das ich bisher nicht kannte, gehört habe. Und das war noch bevor Herr der Ringe hier gedreht wurde. Viel zu viel Zeit für Sehnsucht zu wachsen und überhand zu nehmen. Ich hatte anfänglich Sorge, dass ich zu viel erwarte, dass Neuseeland die Hoffnungen, die ich darauf projiziere, nicht halten kann. Falsch gedacht, meine Erwartungen wurden immer wieder übertroffen. Sei es die Landschaft, die mich immer noch mit ihrer Schönheit umhaut. Seien es die Menschen, die mich immer wieder überraschen mit ihrer Offenheit und Freundlichkeit. Sei es die Intensität der Sonne, die mich immer wieder glücklich macht, sobald ich meine nackten Beine in ihren Strahlen ausstrecken kann. Immer wieder merke ich, dass meine Träume und Vorstellungen hier übertroffen werden.
Also, Traumverwirklichung: check

Ich habe keine Angst mehr, vor nichts. Ein bisschen gesunde Vorsicht, ja, aber keine Angst. Was immer passiert, wird passieren und mit Angst verbaut man sich zu viele Chancen. Es gibt zwar auch die Chance, dass es schiefgeht, aber was soll im schlimmsten Fall passieren? Das heißt nicht, dass ich mich morgen mit einem Fallschirm aus dem Flugzeug schmeiße, das liegt aber weniger an der Angst vor dem Absturz als daran, dass ich mit 400 bis 500 Dollar hier wirklich sinnvolleres machen kann, meiner Meinung nach.

Was die Angst in sozialen Momenten angeht: Es wird besser, mittlerweile springe ich kopfüber ins kalte Wasser und hoffe, dass mir jemand einen Rettungsring zuwirft. Meistens klappt das auch. Ich hab einfach eine gewisse Scheu vor fremden Menschen, ich lass lieber andere reden und beobachte. Die Menschen, die mich anziehen, sind meistens die, die eine gewisse Stärke und Überlegenheit ausstrahlen. Von denen kann ich was lernen, und die können mir vielleicht helfen, meine eigenen Barrieren abzubauen. Und selbst wenn nicht: Wenn ich von extrovertierten Menschen umgeben bin, dann fällt erstens nicht auf, wenn ich mich zurückhalte. Und zweitens kann ich dann ganz schmarotzerhaft etwas von der Aufmerksamkeit und Sympathie, die ihnen entgegen schlägt, abbekommen. Hier wird es langsam einfacher, die Barrieren runterzulassen. Ich baue keine Mauer aus Büchern, Musik und abweisenden Augen um mich auf, sondern lasse diese Schranken stückweise fallen. Ich öffne mich, und finde hier Menschen, die schnell genug und willens sind, einen Spalt zu erkennen, ihn zu nutzen und mit Fragen und Humor offen zu halten und zu vergrößern. Und diese helfen mir dabei, dass ich ganz ganz langsam in Minischritten zu einem etwas offeneren, etwas weniger stacheligem Menschen werde. So, dass vielleicht bald nicht mehr so viel Geschick und Gesprächsgewalt notwendig ist, um mich zu knacken. Und langsam die Angst davor schwindet, dass Menschen Wissen immer nutzen, um zu verletzen. Manche haben kein Interesse daran, einen klein zu machen und zu treffen. Und davon begegne ich hier zum Glück einer ganzen Menge.

Ich werde nie die Seele einer Party und der Mittelpunkt einer Bühnenshow sein, das will ich aber auch nicht mehr. Mir reicht es schon, wenn ich es hinkriege, nicht mehr so viele Menschen mit einem Stacheldraht aus unfreiwillig gespielter Arroganz von mir abzuschrecken.
Also, Ängste überwinden: für mich ein check

Ein Ziel, dass nach etwa drei Wochen neu dazu kam:  „Don’t fret the calories“
Hostelleben ist Gift für die Figur. Fast mit jedem, mit dem man spricht, kommt man früher oder später auf das Essen und darauf, dass jeder beim Backpacken zunimmt. Die einen mehr, die anderen weniger. Aber da die Grundnahrungsmittel Nudeln, Reis und Toast sind, Fleisch teuer ist, Gemüse schwer zu transportieren ist von einem Hostel zum nächsten und es überall zu viele gute Süßigkeiten und zu viel Bier gibt, ist es komplett klar, dass auf dem Rückweg ein paar Kilo mehr mit im Flieger sitzen. Interessanterweise ist das aber für mich aktuell komplett akzeptabel und ein Preis, den ich gerne zahle. Gemeinerweise stehen in vielen Hostelbadezimmern Waagen, um die ich aber immer noch einen großen Bogen mache. Ganz so weit, dass ich es in Zahlen sehen will, traue ich meiner neuen Gelassenheit noch nicht über den Weg.

Ein Ziel, an dem ich bisher ganz klar gescheitert bin, betrifft die Zukunft. Meine drei Monate hier reichen mir nicht, dass kann ich jetzt schon sehen. Der Gedanke, dass es für mich Ende April weg geht, ohne dass ich weiß, wann ich wieder komme, macht mich jedes Mal zielsicher wirklich traurig. Ich habe noch kein Heimweh. Ich vermisse die Herzensmenschen, natürlich. Aber „zuhause“ als solches, das fehlt mir nicht. Ein eigenes Zimmer, eigenes Bad und eigene Küche wären natürlich nett, aber nicht, wenn ich dafür dieses Land und mein Nomadentum aufgeben muss. Daher fällt es mir wirklich schwer, mir Gedanken darüber zu machen, in welche Richtung ich mich in Deutschland bewerben will, jobmäßig. Ich will nicht daran denken, dass ich Anfang Mai wieder in Deutschland bin und mich mit Sachen wie Arbeitslosenmeldung, Jobsuche, Karriere etc beschäftigen muss. Jedes Mal wünsche ich mir, ich könnte mich stattdessen um Visaanträge kümmern und meine Jobsuche auf Wanaka und Dunedin konzentrieren …
Zum Teil hängt das bestimmt damit zusammen, dass ich hier in einem Ausnahmezustand der Freiheit bin. Ich glaube aber, dass ich mir auch wenn ich hier länger leben würde einen Teil dieser Freiheit bewahren könnte und würde. Ich weiß allerdings nicht, wie ich dieses Gefühl nach Deutschland retten kann. Vielleicht holt mich mittlerweile das Peter-Pan-Syndrom ein und ich will nicht erwachsen werden.
Zusammengefasst, Zukunftspläne und Zurückkehren: deutliches Fail

Von Geburtstagen und ersten Malen

Geburtstagsmorgen in Marahau

Geburtstagsmorgen in Marahau

Dass ich meinen Geburtstag allein so weit entfernt von Zuhause verbringen würde, stand relativ früh fest. Darüber nachzudenken habe ich mir aber nicht erlaubt, auch geplant hatte ich nichts. Noch vor einer Woche wusste ich nicht, wo ich an meinem Geburtstag genau sein würde. Neuseeland, Südinsel, eher im Norden, das war alles was feststand. Es würde nicht mein erster Geburtstag getrennt von Familie und Freunden sein, aber dennoch anders als die übrigen.

Einen Tag vorher hatte ich dann endlich einen Plan gefasst: Ich würde etwas zum ersten Mal tun – denn je älter man wird, desto weniger erste Male gibt es. Eigentlich das Traurigste am Älterwerden: man verliert die Spannung, die Neugier und die Erfahrung, etwas zum allerersten Mal zu erfahren. Für mich war es dieses Mal das Kayaken, und dann auch noch in so fantastischer Umgebung.

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Gleich morgens standen mir aber erst einmal kleine Rührungstränen in den Augen: Meine Mutter, aus Angst, dass ich im Funkloch von allem abgeschnitten sein würde, hatte dem Hostelbetreiber eine Mail geschickt wegen meines Geburtstags. Tränen weggeblinzelt, letzte Witze über allwissende walisische Hostelbetreiber gemacht, und ab in den Kleinbus Richtung Wassertaxi.

Wassertaxi war eine weitere neue Erfahrung: Man steigt auf einem Parkplatz in ein Boot. Dieses Boot ist auf einem Anhänger, an einem Traktor. Der Traktor zieht dann das vollbesetzte Boot durch die Straßen des Ortes und setzt es im Wasser ab. Ab da geht es dann den regulären Gang, das Boot fährt auf dem Wasser und die Schwimmwesten, die man tragen muss, machen langsam wieder Sinn. Hintergrund für dieses merkwürdige Vorgehen ist der riesige Unterschied zwischen den Gezeiten. Der Pegel verändert sich zwischen Ebbe und Flut um ganze fünf Meter, was bedeutet, dass der Strand bei Ebbe zwei Kilometer breiter wird als bei Flut. Da ist es natürlich schwer mit einem Standard-Hafen den üblichen Fährverkehr aufrecht zu erhalten. Daher gibt es keine Schiffsanleger für die Wassertaxis sondern eben die Traktoren, die auch über den feuchten Sand fahren können und die Boote mitsamt Fahrgästen zum Wasser bringen, auch wenn das gerade ziemlich weit weg ist. Abgeholt wird man dann im Boot auch wieder vom Traktor an der Wasserlinie.

Ebbe

Ebbe

Nach ungefähr einer dreiviertel Stunde schneller Fahrt mit dem Boot wurden wir im Abel Tasman Park gemeinsam mit unseren Kayaks abgesetzt. Kurze Einweisung “So hält man ein Paddel, so steigt man ein, und kentern kann man eigentlich nicht, solang man paddelt. Also paddelt!”. Überraschenderweise kam ich tatsächlich trocken in meinem Kayak an, und los ging es. Im Kreis um Tonga Island rum, eine der vielen Inseln, die von Robben und diversen Seevögeln besiedelt werden. Danach dann immer an der Küste entlang langsam Richtung Süden. Mittagspause gab es an einem wunderschönen Strand, für den alleine sich die Blasen an den Daumen vom Paddeln gelohnt haben. Mit so einem Blick möchte ich jedes Jahr Geburtstag feiern! Zum Mittagessen gab es Maori-Legenden und Steinkunde von einem der zwei Guides, zusätzlich kleine Geschichtsstunden und Anekdoten über die Umgebung.

Startstrand

Startstrand

Höhepunkt des Ausflugs war für mich als ebendieser Guide uns die Geschichte erzählte, wie der holländische Seefahrer Abel Tasman und die Maori in genau dieser Gegend zum ersten Mal aufeinander trafen. Wunderbare Erzählstimme, lustige Erzählweise und großes Hintergrundwissen über die Maori-Legenden machten ihn zum perfekten Geschichtenerzähler. Das ganze im Kayak treibend, Blick auf die Küstenlinie, von oben die Sonne, die Füße seitlich über den Rand in das kühle Wasser getunkt – perfekt!

Ich hatte mir im Vorfeld nicht viele Gedanken gemacht, wie ein Geburtstag alleine sein würde. Im Nachhinein kann nicht nur sagen: Gar nicht so schlimm. Es gab so viele Menschen, die an mich gedacht haben und mich dies auf unterschiedlichsten Wegen haben spüren lassen, dass ich mich nicht einsam gefühlt habe. Auch wenn ich am anderen Ende der Welt bin, weiß ich, dass es Leute gibt, denen ich wichtig bin, die an mich denken, auch wenn ich weit weg bin. Auch wenn sich das vielleicht zu weit hergeholt anfühlt: Ich bin überzeugt davon, dass ich das irgendwie gespürt habe. Ich war nicht alleine, weil ihr alle an mich gedacht habt.

Kleinigkeiten zum Glücklichmachen

Kleinigkeiten zum Glücklichmachen

Und, zusätzlich: Vielleicht komme ich einfach langsam in ein Alter, in dem man nicht mehr an Geburtstage erinnert werden will, sondern lieber ignorieren möchte, dass man wieder ein Jahr gealtert ist.

Ich würde gerne eine Tradition daraus machen, an meinem Geburtstag Sachen zum ersten Mal zu machen. Immer im Jahr ist es ein gutes Vorhaben, sich aus seiner Komfortzone heraus zu wagen, neue Sachen zu wagen und vielleicht zu entdecken, dass dieses Neue Spaß macht, aber meinen Geburtstag möchte ich als Erinnerungsstütze dafür verwenden, das auch tatsächlich zu tun. Wenn man darüber nachdenkt, gibt es noch ziemlich viel, was ich noch nie gemacht habe. Und nicht alles davon ist unsinnig oder gefährlich.

Kayaken würde ich jedenfalls durchaus nochmal wiederholen. Die etwas über vier Stunden Gepaddel haben zwar ihre Spuren hinterlassen (kleine Blasen an den Handinnenflächen, leichter Muskelkater in den Schultern und eine schmerzende Stelle am Rücken), aber es hat sich gelohnt und macht mehr Spaß als ich gedacht hätte.

Reisende in Klischees

Man sagt ja, das interessante am Reisen wären die Menschen. So ganz kann ich da noch nicht zustimmen – ich schaue sehr oft immer noch lieber aus dem Fenster oder in ein Buch als in die Gesichter der Mit-Hostel-Bewohner – aber ein Fünkchen ist da schon dran. Einige Typen lassen sich immer wieder beobachten. Verwendet wird das generische Maskulinum, Frauen fallen genauso in diese Raster.

Der Experte

Auf keinen Fall ein “Tourist”, er kennt sich aus und bleibt länger. Leichte Verachtung gegenüber allen, die einfach nur Urlaub machen, weil man das wahre einheimische Leben ja nur erfahren kann, wenn man mindestens fünf Tage die Woche im Supermarkt des Touristenortes das Lager einräumt. Überwiegend männlich und öfter als nicht deutsch.

Der Unentschlossene

Was soll ich nur mit meinem Leben machen? Das ist die Frage, die die Unentschlossenen ans andere Ende der Welt treibt und dort immer noch quält. Jedes Gespräch wird schnell auf “zuhause” gelenkt, und das dort ja alles grau und traurig ist.

Der Reisende

Dieser Mensch reist nicht, er lebt das Reisen. Dort, wo einst “Zuhause” war, stehen nur noch einige Kisten und Verbindungen in das alte Leben, das neue findet teilweise seit Jahren komplett mit Backpack und Zelt auf der Straße statt. Gearbeitet wird, wo es Arbeit gibt, geschlafen wird, wo es einen Zeltplatz gibt. Ehrlich, interessant und unkompliziert ist dieser Mensch, und immer jemand, für den es sich lohnt, sich von Aussicht oder Buch zu trennen, um zuzuhören.

Die Gezwungenen

Man soll es nicht glauben, aber es gibt Menschen, die solch eine weite Reise machen, ohne es wirklich zu wollen. Sie sind Hälften eines Paares, Teil einer Gruppe oder selten auch alleine, aber trotzdem unter Gruppenzwang. Denn zuhause wollen alle diese Reise, es ist doch total normal, mit Anfang 20 um die Welt zu reisen. Auch wenn man selbst das vielleicht gar nicht möchte und lieber noch etwas länger unter den sicheren Fittichen von “Zuhause” wäre …

Die Ausbrecher

Ebenfalls noch jung, aber sie sind freiwillig so weit gekommen. Hier dürfen sie endlich, was sie zuhause nicht dürfen! Freiheit! Nur Fastfood essen (solange das Geld reicht), Alkohol, fremde Menschen ansprechen, sich aus Flugzeugen stürzen … Hier ist alles möglich, es kennt sie ja keiner.

Der Lässige

Einen Plan hat er nicht, weder für die Reise noch für das Leben, das macht ihn aber zum unheimlich entspannenden Gesprächspartner. Er urteilt nicht darüber, was man warum wie macht, sondern akzeptiert einfach und lässt sich treiben. Muss als Reisegefährte total anstrengend sein, weil er selbst wirklich gar nichts plant, aber zum Reden, am Strand sitzen, Bier trinken super.

 Der Getriebene

Genau das Gegenteil vom Lässigen: Er weiß genau, was er alles machen will, hat nach langem Vergleichen für alles mögliche schon gebucht und überlässt nichts dem Zufall. Diesen Menschen kann man schockieren, wenn spontan etwas durcheinander kommt. Überschwemmungen in Christchurch und darum gesperrte Straßen zum Beispiel, das stürzt ihn in ein inneres Chaos, das dem Weltuntergang gleich kommt.

Liste ist natürlich noch lange nicht vollständig, ich denke, da kommt noch was. Und ich möchte lieber nicht überlegen, in welche der Klischeegruppen ich aktuell falle.

Die Suche nach Anerkennung

eltern

Es ist komisch, wenn man hier durch das Land reist und alle paar Tage neue Leute kennen lernt, geht das Kennenlernen schneller. Am Anfang wird kurz beschnuppert, geschaut, ob Sympathie da ist. Wenn ja, dann wird das oberflächliche Kennenlernen und Smalltalken übersprungen und es geht direkt in die Tiefe. Wenn nein, dann finden auch keine Höflichkeitsfloskeln statt. Es kommt vor, dass man mit Menschen die großen Themen des Lebens, Liebe, Tod, Träume, den ganzen Rest bespricht und nicht einmal den Namen kennt.

Mit den Leuten, mit denen man auf einer Wellenlänge liegt, wird es persönlich. Bei Wanderungen, auf der Hostelcouch oder beim Wein am Seeufer kommt man in Gespräche und Themen rein, für die man bei den Menschen zuhause eine sehr lange Aufwärmphase benötigt. Hier fällt das weg, man ist direkt bei den bedeutenden Themen. Anstrengend, aber auch unheimlich befreiend. Man verbringt maximal ein paar Tage miteinander, da kann man ehrlich sein, dem anderen alles vor die Füße werfen und schauen, was er vom persönlichen Seelenmüll so nachvollziehen kann. Die Überraschung: Wir haben alle ähnlichen Seelenmüll dabei. Den einen belastet der nahende 30ste Geburtstag. Die nächste fühlt sich in ihrem sozialen Netz zuhause gefangen. Wieder jemand anderes steht vor der Frage, ob alles weitergehen kann wie bisher oder ob sich alles ändern muss. Und ob das überhaupt möglich ist oder Wunschtraum. Dann die Frage, was die Zukunft bringen soll, was ist der richtige Beruf, reicht Geld verdienen oder sucht man eine Berufung?

Aber egal wie alt wir werden, was wir sehen, was wir erleben, was wir meistern und welche Kämpfe wir überstehen: Am Ende steht der Wunsch, dass unsere Eltern uns akzeptieren, unsere Träume und unsere Lebensentscheidungen unterstützen. Und dass sie vielleicht, ganz vielleicht, irgendwann sogar mal sagen, dass sie stolz auf uns sind und wir das in dem Moment auch glauben können. Auffällig ist, dass das vor allem das Gefühl der etwas älteren ist. Die 18- bis 20-jährigen, die erst ihre Flügel testen, die brauchen keine Anerkennung. Aber diejenigen, die geflogen sind, deren Flügel schon die ein oder andere Feder verloren haben, die vielleicht schon gebrochen abgestürzt sind und jetzt hoffen, irgendwann wieder fliegen zu können, die haben immer wieder irgendwo den Gedanken an die Eltern im Kopf: Können sie wirklich akzeptieren, dass man selbst für das Leben andere Entscheidungen trifft als sie es sich wünschen? Lieben sie einen vorbehaltlos, auch wenn man nicht so wird, wie der Vater es sich für den ältesten Sohn gewünscht hat? Respektieren sie einen, auch wenn die Tochter freiwillig auf Chancen verzichtet, die die Mutter nie hatte? Und, wenn sie nicht mögen, was aus uns wird: Ist das nicht eigentlich ihr Fehler, ihr Problem, ihre Erziehung? Wie viel Selbstbestimmung hat man im erwachsenen Leben und wie sehr ist man (gescheitertes) Abziehbild der Wünsche und Projektionen von Eltern?